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Frankfurter Rundschau
Frankfurter Rundschau:

Privater Krypto-TÜV

Kanthers Verschlüsselungsidee vorerst kaltgestellt


Von Wolf-Christian Hingst

Der SPD-Medienexperte Jörg Tauss hat jetzt in Bonn vor neuerlichen Versuchen des Bundesinnenministeriums gewarnt, hochsichere Verschlüsselung mit Hintertüren zu versehen. Ein deutscher Krypto-Chip nach dem Vorbild des amerikanischen "Clipper"-Chips solle den Sicherheitsdiensten ein Schlüsselloch bieten, durch das sie auch in Zukunft von vertraulicher Datenkommunikation Kenntnis nehmen könnten.

 Eine trickreiche Strategie soll den Chip in den Markt drücken: "Alle staatlichen Stellen sollen künftig ausschließlich die Ministeriumshardware für ihre behördliche Kommunikation einsetzen", so Tauss. Damit entstünde ein "marktmäßiger Druck" auf Industrie und Anwender, sich ebenfalls dieser Technologie zu bedienen, wollen sie weiterhin mit dem Staat kommunizieren.

 Die Folgen wären fatal: "Wenn der Staat mit seiner Nachfragemacht in diese Richtung lenkt, wird Deutschland international seinen Vorsprung in Sachen Datensicherheitstechnik verlieren." Derart reglementiert, könnte der amtliche Datenaustausch schon bald hinter dem sonst üblichen Sicherheitsniveau zurückbleiben - eine Einladung für feindliche Spione, während private und gewerbliche Nutzer auch weiterhin mit im Internet frei erhältlichen Programmen sicher kommunizieren.

 Schon vor der Sommerpause waren Pläne des Innenministeriums durchgesickert, einen leistungsfähigen Verschlüsselungschip zu bauen. Begründung: nur so könnten Staatsgeheimnisse auch in Zukunft geschützt werden. Allerdings hieß es damals, er werde auf keinen Fall mit Hintertüren versehen und würde erst in zwei Jahren marktreif sein.

 Mit dem neuen Vorstoß geht die Krypto-Debatte bereits in die dritte Runde: Als Wortführer einer Koalition aus Innen-, Verteidigungs-, Post- und Finanzministerium war Bundesinnenminister Manfred Kanther (CDU) mit der Idee eines Krypto-Gesetzes Anfang des Jahres auf massive Kritik aus Opposition, Industrie und seitens des Wirtschafts- und Justizministeriums gestoßen. In Anbetracht des wachsenden Widerstandes hatte das Innenministerium einen "Plan B" vorgestellt: Staatliche Stellen zertifizieren die Sicherheit von Krypto-Produkten, wenn die Hersteller im Gegenzug freiwillig die nachträgliche Decodierbarkeit der Daten sicherstellen. "Angesichts der dynamischen technischen Entwicklung wäre eine solche Erprobungsphase wichtig", verlautete aus Kanther-Kreisen.

 Die Produzenten wollten sich indes auf diesen Kuhhandel nicht einlassen. "Für electronic commerce braucht man Vertrauen", betont Paul Mertes von der Telekom Fachgruppe "Telesec". Um dieses Vertrauen in die zukunftsweisende Verschlüsselungstechnik nicht von vornherein ad absurdum zu führen - frei nach dem Motto: besonders sicher; BND hört mit -, wurde seitens der Industrie ein privatwirtschaftlich organisierter "Krypto-TÜV" angedacht.

 Mit einer jetzt erzielten Einigung zwischen dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI), der Daimler-Benz-Tochter Debis und TÜViT, einem Unternehmen des Rheinisch-Westfälischen TÜVs, wird diese Idee nun Realität und dem staatlichen Überwachungsbedürfnis eine eindeutige Absage erteilt. Heinrich Kersten, bisher Leiter der BSI-Abteilung "Wissenschaftliche Grundlagen und Zertifizierung" und seit Anfang Oktober verantwortlich für den neuen Projektbereich bei Debis, freut sich bereits über reges Interesse seitens der Anbieter von Sicherheitstechnik: "Die Hersteller sehen es sehr positiv, von nun an auf gleicher Ebene - von Firma zu Firma - verhandeln zu können und nicht mehr mit einer Behörde zusammenarbeiten zu müssen." Die Industrie dürfte auch dem Plan, einen "löchrigen" Krypto-Chip einzuführen, ablehnend gegenüberstehen. Die Telekom und Siemens haben sich laut Tauss bereits geweigert, das Innenministerium bei seinem neuen Projekt zu unterstützen.

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